X-Account löschen: Warum ich nach 15 Jahren gehe
10.800 Posts. Ein Account seit Dezember 2011. Der letzte Tweet stammt vom 7. Januar 2024, ein lapidares „Hahahaha“ unter einer Meldung zum hessischen Sonntagsverbot für Automatenläden, und danach kam nichts mehr. Fast anderthalb Jahre lang habe ich meinen X-Account nicht mehr angefasst, ohne es wirklich zu merken. Jetzt heisst es: X-Account löschen. Kein grosser Abschiedsthread, keine letzte Pointe auf der Plattform selbst, nur diese Zeilen hier, auf meinem eigenen Blog, wo sie eigentlich schon länger hingehört hätten.
15 Jahre im Rückspiegel

Der Account trug nie meinen echten Namen als Anzeigenamen. Er hiess „1982.ws“. Angemeldet in Berlin, im Dezember 2011, als Twitter noch Twitter war und ich dachte, ich brauche das für den Überblick. Über die Jahre kamen 10.800 Posts zusammen, aber schaut man genauer hin, war das selten eigener Text. Meistens waren es Retweets und Quote-Tweets von Golem, tagesschau oder t-online, kommentiert mit einer Zeile, oft ironisch, selten länger als ein Satz. Eigene Threads, eigene Positionen, eigene Recherche: Fehlanzeige. Einmal habe ich mein LinkedIn-Media-Planner-Template auf Gumroad beworben, das war schon die grösste Eigenwerbung in anderthalb Jahrzehnten. 234 Follower stehen 962 Accounts gegenüber, denen ich gefolgt bin. Diese Zahl sagt eigentlich alles: Ich habe den Account genutzt, um zu lesen, nicht um zu senden.
Warum die Plattform nicht mehr die ist, für die ich mich 2011 angemeldet habe
2011 war X noch ein Ort, an dem ich Nachrichten schneller bekam als überall sonst, dazu ein paar kluge Leute aus Tech und Medien, direkt und ohne Umweg. Diese Funktion hat die Plattform für mich verloren, lange bevor ich es mir eingestanden habe. Der Feed wurde lauter, die Diskussionen kürzer angebunden, und was früher Recherche-Werkzeug war, wurde zur Ablenkung zwischen zwei Meetings. Das ist keine steile These über Elon Musk oder Algorithmus-Änderungen, dazu haben andere schon genug geschrieben. Es ist eine simple Beobachtung an meinem eigenen Nutzungsverhalten: Ich habe irgendwann aufgehört, dort etwas zu lernen, das ich woanders nicht auch bekomme, meistens sogar besser sortiert und mit mehr Substanz.
Der Stecker war eigentlich schon lange gezogen
Wer auf mein X-Profil schaut, findet in der Bio längst einen Link zu meinem Bluesky-Account. Den habe ich vor Monaten angelegt, ohne grosse Ankündigung. Das nutze ich auch nicht 😉
Der Account stirbt eigentlich nicht heute. Er ist schon im Januar 2024 gestorben, an dem Tag mit dem „Hahahaha“ unter der Automatenladen-Meldung. Heute stelle ich nur die Sterbeurkunde aus. Das ist auch keine grosse politische Aussage gegen X oder gegen Elon Musk, dafür bin ich zu lange und zu unauffällig dort gewesen. Es ist einfach die ehrliche Bilanz nach anderthalb Jahren Funkstille: Wenn ein Kanal so lange schweigt und niemand ihn vermisst, mich selbst eingeschlossen, dann ist die Entscheidung längst gefallen. Den X-Account zu löschen ist nur noch der letzte Schritt eines Prozesses, der lange vorher angefangen hat, und ehrlich gesagt fühlt es sich eher nach Aufräumen an als nach Abschied.
Was von 15 Jahren Timeline bleibt, passt eigentlich in einen Satz: viel gelesen, wenig gesagt.